Welle hin oder her. Mein Platz ist fest erobert und während der Fahrt gebe ich ihn auch nicht mehr her. Bereits vor dem Anwerfen des Motors nehme ich meinen Platz ein.

Die Drei sind im Moment mit anderen Dingen beschäftigt. Neuerdings spannen sie auf dem Vorschiff oder hinten große Tücher auf. Dafür muss einer der Männer sogar hoch aufs Dach klettern, um den „Besan hochzuziehen“, wie sie immer sagen. Ich kann gar nicht hinsehen! Frauchen schreitet dann als Sicherheitsbeauftragte ein und verdonnert sie zu Schwimmweste und festem Schuhwerk. So langsam hören sie aufs Wort. Ehrlich? Ich höre besser! Aber wenn wir dann mit den beiden Segeln fahren, kann ich nicht bestreiten, dass es weniger ruckelt und rumpelt. Trotzdem: Ich bleibe auf dem Wellenplatz, egal was passiert.

In dieser Woche klapperten wir den Rest der Ostküste und den Südzipfel Schwedens ab. Leider wird dieser Teil von den meisten Bootsfahrern lediglich als Durchreisestrecke in die Schären genutzt. Schon in Kalmar haben wir es erlebt, dass Segelschiffe abends gegen halb zehn den Hafen verlassen haben, um sich direkt nach Deutschland zu schwingen. Sie fahren die Strecke in einem Schlag durch und kommen auf diese Weise bei Tageslicht an, verpassen aber wirklich einen ebenfalls traumhaften Teil des Landes.

Im Schloss von Kalmar jedenfalls wartete ein wunderbares Ereignis auf uns, das alle drei Menschenkinder faszinierte. Dort wurde eine beeindruckende Kunstshow („Van Gogh Alive“ – The Experience, läuft noch bis 01.11) dargeboten. Die Werke des holländischen Künstlers wurden mit lauter, klassischer Musik unterlegt und in einem dunklen Raum digital, nebeneinander platziert an die Wand und auf den Boden geworfen. Es waren Bänke aufgestellt, so dass man lange genießen konnte, was wir auch taten.

Für Kinder ist das Schloss im Sommer ein wahres Paradies. Sie dürfen vor der „Königin“ einen Hofknicks machen, mit ihr posieren, an Ritterspielen teilnehmen und mit Gaucklern auf Schatzsuche gehen. Wir blieben einen Tag länger, bummelten durch die kleine Stadt und erstanden unsere ersten schwedischen Erdbeeren.

In Kristianopel rauschten wir mit samt einem Gewitter in den Hafen. Zum Glück klarte es über den Nachmittag wieder auf und wir konnten erneut durch ein sehr idyllisches Naturreservat stromern. Dabei bemerkten wir nicht, dass wir die Grenze zu einem Privatgrundstück übertraten, weil meine Leute dachten, die zwei schwedischen Spaziergängerinnen vor uns werden den Weg in den Ort schon kennen. Freundlich schickte uns die Eigentümerin quer über ihr Grundstück, einen kleinen Pfad entlang, auf den richtigen Weg. Unfreundliche Menschen gibt es in diesem Land wirklich nicht.

In Torhamn am Sonntag entdeckten wir Wald, den besonders ich in vollen Zügen genoss. Der Hafen war so klein und eng, dass wir fast mit dem Bug in die Einfahrt ragten. Außerdem legten sich gerne Segler zu uns ins Päckchen (also Seite an Seite). Sie gingen kurz in den Supermarkt und fuhren dann weiter. Wir lernten viele Menschen kennen. Noch immer erstaunlich ist für uns das Schauspiel, wenn sich am Abend so gegen 8 bei untergehender Sonne, Kinder und Jugendliche von der Mauer ins Wasser stürzen, augenscheinlich ohne die Kälte zu fürchten. So langsam glaube ich (bis auf Noah und mich) sind hier alle Warmduscher.

Am besten in dieser Woche hat mir Hanö gefallen, eine kleine zuckrige Insel auf dem Weg nach Simrisham mit einem imposanten Leuchtturm und einer noch beeindruckenderen Anzahl von 40.000 Besuchern pro Jahr. Und das bei einer Größe von 2,1 Quadratkilometern, einem Kaufmannsladen und einer Waffelbäckerei. Am Abend wurde es munter im Hafen, der Wind frischte auf und alle zogen ihre Leinen nach.

Dann passieren Dinge, die zeigen, dass man immer wieder froh sein kann, wenn man sicher im Hafen gelandet ist. So trafen wir auf eine Familie, die auf einer kleinen Jolle, lediglich mit Außenborder motorisiert (der auch noch falsch herum lief: um vorwärts zu fahren, müsstest Steuermann immer den ganzen Motor rumdrehen), auf großen Wellen in den Hafen geschubst wurde. Nachdem wir sie zusammen angelegt hatten und ihren Heckanker nochmal mit dem Schlauchboot rausgefahren hatten, erzählten sie uns, dass sie eigentlich nur einen Tagesausflug haben machen wollen, vom Wind überrascht wurden und nun hier gestrandet sind.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit schoss noch ein weiterer deutscher Segler durchaus überschwänglich in den Hafen. Wie selbstverständlich legte er mit seinem Haken ohne zu fragen am schwedischen Nachbarsegler an, mischte dabei offenbar dessen Heckanker auf, sodass sich beide Seite an Seite an der Kaimauer festmachten. Die Führung übernahm hierbei der Schwede, weil reicher an Erfahrung. Seinen Ärger konnte man nur vermuten, nach außen hin blieb er souverän und zuvorkommend. Leider rief das den Hafenmeister auf den Plan, der das so nicht durchgehen ließ, weil der Schwell in dieser Nacht sehr groß zu werden drohte. Nun musste sich ausgerechnet der Schwede umlegen. Er schien Verständnis für das unerfahrene Paar zu haben und legte sich diskussionslos auf einen anderen Platz.

Simrishamn ein wirklich kleines lebendiges Städtchen, indem wir einen schönen Bummelnachmittag verbrachten und den Tag gemütlich ausklingen ließen.

Die Überfahrt nach Ystad am Donnerstag war der Knaller. Das war die sanfteste und sonnigste Überfahrt in unserer gesamten Zeit. Wir bogen gegen 11 Uhr um die Ecke und schipperten von da an die Südküste entlang. Der ganze Tag blieb so, was ausgiebig am Strand und auf dem Vorschiff genossen wurde. Gegen Abend schlenderten wir auch hier durch die Stadt und begutachteten die historischen Fachwerkhäuschen.

Wieder trafen wir auf eines dieser Konzerthäuschen, die an vielen Orten in Schweden aufgebaut werden. Hier können Musiker oder Gruppen Konzerte geben. Heute wurde schwedische Volksmusik dargeboten, die viele Menschen auf die Tanzfläche zog und ihre Runden beim schwedischen „Sirtaki“ drehen ließ.

Freitag ging es unwiderruflich zu unserem letzten schwedischen Hafen nach Trelleborg. Obwohl wir noch ein paar Wochen vor uns haben, sind wir ein wenig in Trauerstimmung, so ein beeindruckendes Land zu verlassen, indem es uns richtig gut gefallen hat. Wir trugen unsere letzten schwedischen Kronen in den Supermarkt und kauften lauter Fischleckereien, die wir leicht melancholisch verspeisten. Jedenfalls meine Menschen. Ich wartete gut gelaunt, bis mir mein Anteil gereicht wurde. Ich weiß ja, dass wir noch schöne Tage vor uns haben werden. Schließlich geht es nach Dänemark. Dort hat es mir ja schon auf der Hinfahrt bestens gefallen.

Wo war nochmal mein Platz?

Genau da!!!