Schlagwort: Göta-Kanal

Protokoll einer Kanalfahrt

Eigentlich bin ich nicht gut in der Lage, diesen Blogeintrag zu schreiben. Paradoxerweise fehlen mir die Worte, dieser Schönheit und Atmosphäre des Göta-Kanals verbal gerecht zu werden, obwohl ich übergelaufen bin an dem was ich gesehen habe. Frauchen hat mir jedoch gehörig die Leviten gelesen und mir gesagt, ich könne nicht mitten im Blog einfach so aufhören, etwas von mir hören zu lassen. Also machte ich mich ans Werk. Während der Kanaldurchquerung konnte ich partout nicht tippen, so sehr war ich durch Schnüffeleien und Beobachtungen abgelenkt. Ich würde mal behaupten an diesem Fleckchen Erde ist die ganze Welt vereinigt: Man findet Seen en masse wie in der Schweiz, reichlich Wälder wie in Kanada, herrliche Baumalleen wie an unseren Landstraßen, kleine entzückende Dörfchen wie in Frankreich, traumhafte Buchten wie am Mittelmeer und die Architektur erinnert an die Bauweise amerikanischer Farmerhäuschen; es ist einfach von allem was da und dennoch hat das Land seinen eigenen Charakter.

Run um die Leine

Ich liebe Kanäle und Flüsse ein klitzekleines bisschen mehr als das Meer. Die Gerüche sind leichter aufzuschnappen und mehr zu sehen bekomme ich auch. Vor allen Dingen interessante Artgenossen, die ich neuerdings anfange zu verbellen. Frauchen hat sich direkt ein Kommando ausgedacht und bei „Nicht bellen“ muss ich nun die Klappe halten. Revierkämpfchen beim Schleusen gab es auch. Angeblich hätte ich mich mitten in die Leinen gesetzt. Das kann ich nicht verstehen, ich wollte nur helfen. Nun haben wir uns geeinigt. Ich darf an den Bug, aber weg von den Leinen. Das kann ich akzeptieren und so wurde die Kanalfahrerei ein voller Erfolg.

Der Göta-Kanal mit seinen 190 km und 58 Schleusen ist etwas ganz Besonderes: Er verbindet zusammen mit dem Trollhättan-Kanal die beiden Städte Göteborg und Stockholm miteinander. Vor ziemlich genau 200 Jahren befand er sich mitten im Bau. Er sollte die üppige Seenlandschaft im Landesinneren miteinander verbinden, um somit die Transportwege in Schweden zu erleichtern. Ca. 100 Jahre war er die bedeutendste Strecke für Handel und Transport, ehe ihm der aufkommende Bahnverkehr den Rang ablief. Heutzutage ist er das beliebteste Reiseziel Schwedens. Ca. 3000 Freizeitschiffe befahren ihn pro Jahr. Wir waren eines davon. 

Bei der Planung haben wir uns entschieden, den Kanal von Sjötorp aus anzugehen. Einfach erstmal, weil wir lieber runter- als hochschleusen. Während der Fahrt stellten wir dann fest, dass die meisten von Mem aus starten, was uns wenig Wartezeiten an den Schleusen und viele freie Plätze in den Marinas bescherte.

Gerne möchte ich an dieser Stelle wieder für die Schweden schwärmen. Alles an diesem Kanal ist top organisiert. Bei Eintritt in den Kanal checkt man ein und bekommt eine kleine Einweisung, wie geschleust wird. Denn hier darf jeder ran, ob erfahren oder nicht. Das Personal schätzt die Schleusenkünste recht unauffällig ein und gibt (offenbar) Besonderheiten an die nächsten Schleusen weiter. Wir kamen mit zwei jugendlichen Flinkfüßen ganz gut in der Beurteilung weg und legten einen souveränen Start hin. Bei anderen Booten sprang man unauffällig herbei und fing Leinen auf oder führte das Boot mit in die nächste Kammer der Doppelschleuse, wenn das Schiff mit nur einem Mann besetzt war. Wir wurden stets gut informiert und instruiert. Z.B. wenn es vor der nächsten Schleuse zu Wartezeiten kam oder bei den Eisenbahnbrücken Eile mit der Durchfahrt geboten war. Nie mussten wir jemandem nachlaufen oder irgendwo anrufen. Man kam immer sofort auf uns zu. Die vielen Studenten, die die Schleusen bedienen, hatten immer ein Lächeln im Gesicht und ein nettes Wort für uns übrig. Innerhalb des Kanals sind die Übernachtungen im Preis inbegriffen. Das ist bei dem Gesamtpreis mehr als in Ordnung. Max. fünf Nächte darf man in einem Hafen bleiben. D.h. man sollte seinen Aufenthalt ein wenig ziehen, denn rein rechnerisch ist man in drei bis fünf Tagen durch.

Das war unser Programm:

Wir traten also am 12.6. in Sjötorp in den Kanal ein. Sofort ist die altbekannte Langsamkeit wieder da. Wir schafften an diesem Tag 7 km in 4 1/2 Stunden. Leider spielte das Wetter nicht recht mit. Es war nass und kühl. Da wir wegen des Schleusens aber viel draußen waren, wurden wir schnell unbeweglich in den Gliedern und steif in den Fingern, was ein bisschen anstrengte, da man die Leinen fest in der Hand halten muss. Bei Ankunft brunchten wir in einem süßen Café in Lyrestad und schauten den Rest des Tages dem strömenden Regen zu. Zum Glück wurde das Wetter schon am nächsten Tag besser.

Wir landeten nach drei Brücken und neun Schleusen an einem wunderbaren Liegeplatz in Hjästorp. Zunächst hatten wir den ganzen Platz für uns, aber nach ein paar Stunden lernten wir ein nettes Ehepaar kennen, an das wir auf dem Kanal noch öfter geraten würden. Durch sie haben wir die wirklich echten, leckeren schwedischen Kekse kennengelernt. Auch das ein altbekanntes Phänomen auf dem Kanal: Wenn man am selben Tag startet, trifft man sich immer wieder, weil man so ähnliche Strecken hinter sich lässt. Das sind mal nette, mal wundersame Begegnungen und bieten teilweise köstlichen Gesprächsstoff. So hat sich gezeigt, dass wir mit der Spontanvergabe des Namens „Hexe“ und unserer Menschenkenntnis nicht falsch lagen. Nicht nur unter Bootsleuten ist es völlig unüblich, in letzter Sekunde kommentarlos an vier wartenden Schiffen vorbei in die Schleuse zu schießen, seine Leine in egoistischer Weise über alle anderen zu legen oder allen Mitschleusern lediglich in der eigenen Muttersprache mitzuteilen, wie man vorzugehen hat.

Aber die meisten Bekanntschaften oder Beobachtungen waren durchweg positiv. Wir trafen eine entzückende junge schwedische Familie, die ein ca. zweijähriges Mädchen bei sich hatte, das fest angeschnallt auf dem Fahrersitz thronte. Während die Mutter oben mit der Vorleine hantierte, übernahm der Vater die Rückleine, bespaßte sein Töchterchen und fütterte es, weil bei fünf Schleusen irgendwann der Hunger kommt. Oder ein älteres Ehepaar, das sich mit wenigen Vorkenntnissen todesmutig in das Abenteuer Schleusen stürzte und mit jeder weiteren Schleuse unsicherer wurde. Auch hier griff das Schleusenpersonal (und wir) unauffällig ein. Natürlich blieben auch wir nicht verschont. Wir mussten beim Runterschleusen eine Leine kappen, da sie sich verhakt hatte. Aber die oberste Regel griff: Beim Runterschleusen muss immer ein Beil parat liegen und das kam zum Einsatz. Wir wurden vom Schleusenpersonal für unsere schnelle Reaktion gelobt.

Auf dem Weg nach Karlsborg wurde das Wetter endlich beständig schön. Während die Jungs direkt ins Wasser hüpften, wartete der Rest des Rudels vornehm bis Ljungsbro ab. Ich musste sogar bis Norsholm warten, weil es meist so problematisch war ins Wasser zu kommen oder wieder raus. Deswegen lernte ich dort etwas ganz Tolles, was mir am Anfang nicht geheuer schien. Ich lernte mit Anlauf vom Badesteg ins Wasser zu hüpfen. Dabei hat mich Herrchen einmal so überrumpelt, dass ich überhaupt nicht nachdachte und einfach mitlief (mach ich ja sonst auch immer). Als ich kapierte, wie viel Spaß das macht, wollte ich gar nicht mehr aufhören.

Mit jedem Tag wurde es immer abwechslungsreicher. Der Kanal ging in Seen über, wurde wieder zum Kanal, zeigte seine verwunschenen Ecken oder romantischen Plätze. Wir liefen über vor schönen Anblicken. An Kanaltagen machten wir nichts außer schleusen und gucken. Es wurde nicht gelesen, es wurde nicht geschrieben, es wurden auch sonst nur die nötigsten Dinge verrichtet. Wer sich diesem Flair nicht hingibt, verpasst etwas sehr Einzigartiges.

Ich muss zugeben, dass ich die Affinität für Schweden vieler Menschen immer ein wenig belächelt habe. Für mich ist der Süden ganz klar das Paradies auf Erden (gewesen). Aber das hier zu entdecken und durchfahren zu dürfen war mehr als das Highlight unserer Reise. Es ist nicht nur die Natur. Es ist auch das Licht, das sich viele Male über den Tag verändert. Es sind die taghellen Nächte. Es sind die wunderhübschen Plätze, die für die Gäste geschaffen werden. Es ist die freundliche Art der Schweden, die Tummelei mit den anderen Nationen, es ist so Vieles mehr. Man muss mal da gewesen sein.

In Motala besuchten wir das Kanalmuseum und lernten, welch ein Kraftakt der Bau des Kanals gewesen ist. Leider erlebte der Erbauer Baltzar von Platen die Fertigstellung seines Lebenswerkes, an dem er beinahe 20 Jahre gearbeitet hatte, nicht mehr. Er verunglückte drei Jahre vorher auf dem Vättern-See, ist nun aber in Motala direkt am Kanal bestattet worden. Wir haben ihm zugewinkt.

Wir erlebten ein gigantisches Gewitter kurz nachdem wir in Norsholm eingelaufen sind. Es brach so gewaltig vom Himmel, dass selbst die Schweden angelaufen kamen und Fotos machten. Eine halbe Stunde drauf badeten wir wieder im Kanal.

Noah fing im Roxen-See seinen zweiten Fisch. Dieses Mal war es ganz klar ein Hecht, mit stattlichen 52cm. Er reichte für alle Fischesser an Bord, inkl. der Sieben-Länder-Katze und mir.

Noah fing seinen zweiten Fisch, ein Hecht

Und am letzten Tag im Kanal und dem letzten Urlaubstag von Alex‘ Eltern, die ebenfalls auf Tour in Schweden waren, schafften wir doch noch ein gemeinsames Treffen. Schon die ganzen Tage hatten wir gegenseitig auf unsere jeweiligen Reiserouten gelinst, waren jedoch immer zu weit voneinander entfernt gewesen. Vorgestern aber nahmen Sandra und Jürgen den Weg von 2,5 Stunden Autofahrt auf sich, brachten leckeren Kuchen und anderes Backwerk mit, und wir saßen doch ein paar Stunden gemütlich zusammen.

Nur Midsommar haben wir nicht gefunden. Am Freitag begrüßten uns die Schleusenguards allesamt mit Blumenkränzen im Haar und wünschten uns fröhlich alles Gute zu ihrem hochheiligen Feiertag. Wir fragten jeden akribisch aus und fuhren extra bis Söderköping, um das große Ereignis nicht zu verpassen, was eigentlich gar nicht ging, wie man uns sagte. Als wir dann aber am Abend loszogen und Midsommar suchten, war ganz nach schwedischer Manier bereits alles wieder geschlossen und von Midsommer weit und breit nichts zu sehen. Das war ein bisschen schade, aber tat dem charmanten Kanal in der Mitte Schwedens keinen Abbruch.

Ich habe es Frauchen angedroht und nun muss es auch kommen. Wir müssen an dieser Stelle über ihre modischen Highlights an Bord sprechen.

Die Wahrheit ist: ungeschminkt, schmucklos, durcheinander gewürfelt, manchmal schräg, den Gegebenheiten angepasst und ohne jegliche Filter, ABER GEIL!!

Kanal, Schleusentreppe und mehr See

Schlagartig wurde es wieder labbigerecht. Die Häuser verwandelten sich in Bäume, die Luft wurde reiner, die Geräusche natürlicher und das Tempo wandelte sich von Großstadt-Rasen in Gemütlichkeit. Von einer Sekunde auf die andere wurden wir ruhig und es ging in Richtung Trollhätte-Kanal.

Den ersten Tag bis nach Akersvass begleitete uns strahlender Sonnenschein. Wir genossen jede Minute und ich blieb den ganzen Tag draußen; zwischendurch wurde es richtig heiß. Akersvass ist ein mitten im Grünen liegender Ankerplatz. Unterhalb der alten Schleusentreppe in parkartiger Umgebung wollten wir grillen. Leider richtete sich das Wetter nach dem Bericht und pünktlich um 19 Uhr krachte ein urgewaltiges Gewitter vom Himmel, das uns alle zusammenzucken ließ. Die Umgebung passte sich an und es wurde richtig nebelig, ein verwunschener Märchenwald entstand. Gegrillt wurde trotzdem.

Nach so einem geruhsamen Abend war die Schleusentreppe am nächsten Morgen kein Problem. Das bereits seit vielen Jahren eingespielte Team kam zum Vorschein und wir schleusten die vier Schleusen souverän in 1,5 Stunden durch. Sie waren ein wenig umständlich zu handhaben, da wir die Leinen mangels passender Poller jedes mal um die Treppensprossen legen mussten. Das Zahlen der TrollhätteKanal-Gebühren hätten wir uns allerdings sparen können, die sind nämlich in den Gebühren für den Göta-Kanal inbegriffen, aber das sollten wir erst später bemerken. Unser Ziel sollte Vänersborg werden und wurde es auch. Daran änderten auch die zwei ausstehenden Brücken und die von der Kapitänin unterschlagene 5. Schleuse nichts.

Vänersborg ist der Einstieg in den Vänern, dem größten See der Schweden. Zum Vergleich: Er ist 11 x größer als der Bodensee. Man hat eher das Gefühl auf dem Meer unterwegs zu sein. Auf Anraten eines Schifferkollegen steuerten wir Läckö an und das war kein Fehler.

Wenn ich malen könnte, so wäre Läcko genau der Ort, der auf meinem Zeichenblock entstehen würde. Das barocke Schloss ist natürlich der Blickfang, aber drumherum ist ein Paradies zu finden, das ganz im Sinne der Natur erhalten wird. Schafe mähen den Rasen, das Hotel- und Restaurantgebäude ist mit unbehandeltem Holz verkleidet, ab Juni werden Führungen auf dem Naturlehrpfad angeboten, Wanderwege schlängeln sich durch das gesamte Gebiet und die Duschen liegen romantisch mitten im Wald. Ich wäre gerne noch länger geblieben, aber die Katze kam pünktlich zurück und deswegen gab es keinen Grund am Montagmorgen nicht abzulegen.

In Mariestad lagen wir unterhalb des Doms und die Marina, direkt am Städtchen, zeigte sich in mediterranem Kleid, was sicherlich an der angeknipsten Sonne lag. Das genossen wir in vollen Zügen.

Hier fand ich auch eine tolle Spielkameradin

Bis nach Sjötorp, unserer letzten Station am Vänern, war es lediglich eine Etappe von ca. 20 km. Deswegen wurde die Überfahrt dem Angeln gewidmet. Wir dümpelten mit 5 km/h dorthin, wenn man da nicht entschleunigt, weiß ich auch nicht. Von Erfolg gekrönt war das Ganze leider nicht. Obwohl es in dem See von Fischen nur so wimmeln soll, hat sich keiner an unsere Haken verirrt.

Eine abwechslungsreiche Woche liegt hinter uns. Langeweile kommt nicht auf, weil sich permanent das Terrain ändert. Im Kanal kann man sich kaum an der Umgebung satt sehen, draußen auf dem Meer fühlt man sich ein wenig wie Vasco da Gama und die Schleusenarbeit gibt einem das Gefühl am Ende des Tages etwas geleistet zu haben. Das ist als kleine Fingerübung ganz gut, denn es erwarten uns im nächsten Abschnitt 58 Schleusen auf 190 km. Der Labbi und seine Crew sind gerüstet.

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